German Girls in Tewkesbury

Foto aus dem Gloucestershire Echo vom 16. Juli 1953; die Bildunterschrift lautet: „Capturing the last rays of the evening sun at Tewkesbury last night are these five German girls – in front Marget Bloom, Helga Hesse, Margarete Schroeter; behind: Baerbel Richter and Waltraud Buschmeir – five of a party of young people spending a 14-day holiday in Tewkesbury.“ (Stadtarchiv Holzminden: G.1 Nr. 162)
Ein weiteres Foto aus der Zeitung: „The Holzminden Youth Party with their Tewkesbury hosts and hostesses were the guests of the Tewkesbury Sea Cadet Corps on Monday evening when they went by river from Tewkesbury to Deerhurst.“

Die Schlagzeilen der Presse zu den Verbindungen zwischen Deutschland und Großbritannien kennen momentan nur ein Thema: den „Brexit“. Von politisch interessierten Kreisen auf beiden Seiten wird das Thema hochgekocht, und allgemein scheint es so, als gebe es nur noch Trennendes, aber nichts Verbindendes mehr zwischen uns. Bei ruhiger Betrachtung ist glücklicherweise festzustellen, dass dem keineswegs so ist, sondern dass viele Menschen auf beiden Seiten des Ärmelkanals sich ein gedeihliches Zusammenleben wünschen und sich dabei nicht durch Geschrei und Gezänk auseinander treiben lassen.

Da passt es gut, dass just zu diesem Zeitpunkt dem Stadtarchiv Holzminden eine Mappe mit dem Titel „Meine Englandreise“ geschenkt wurde. Sie stammt aus dem Jahre 1953 und schildert die persönlichen Eindrücke einer Teilnehmerin der Englandreise von Holzmindener Jugendlichen nach Tewkesbury in jenem Sommer. In die „große“ Geschichte eingeordnet, bedeutet dieser Zeitpunkt: wenige Wochen nach der Krönung von Elisabeth II., der noch heute regierenden Königin, und acht Jahre nach Beendigung des von Deutschland begonnen Zweiten Weltkrieges.

Leider finden sich im Stadtarchiv keine Akten zu den Hintergründen dieses Austausches. Vorbereitet wurde die Fahrt laut Zeitungsberichten von Kreisjugendpfleger Lüdecke, begleitet von Pastor Köhne und dessen Ehefrau.

Der handschriftliche Text ist mit zahlreichen Beilagen versehen: Zeitungsausschnitte, verschiedene Dokumente, Fotografien und Ansichtskarten. Berichtet wird über das während jedes einzelnen Tages absolvierte Programm. Dieses bewegte sich im üblichen Rahmen solcher Reisen, die vor allem dem gegenseitigen Kennenlernen dienen. Abwechselnd wurden große Städte besucht (u. a. Worcester, Gloucester, Oxford, Cardiff) oder eine kleine Landpartie absolviert, man besuchte gemeinsam Veranstaltungen oder folgte einer (mal offiziellen, mal privaten) Einladung. Aus Sicht einer Schülerin wird über das „typische“ England berichtet: englischer Rasen, englisches Regenwetter, der Linksverkehr auf den Straßen, „ham and eggs“ zum Frühstück, die immer wieder gesungene Nationalhymne ...

„Wie gut verstanden wir uns mit den Engländern!!“ So lautet ein Fazit des Berichts. Nur wenige Jahre nach Kriegsende war das nicht unbedingt selbstverständlich, und vielleicht war es auch nicht von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern erwartet worden. Auf beiden Seiten gehörten ebenso eine gewisse Zurückhaltung wie auch der Wunsch, durch persönliche Begegnung an der Überbrückung bestehender Gräben mitzuwirken, zu den Voraussetzungen des Gelingens einer solchen Begegnung. Daran mahnend zu erinnern vermag diese nun dem Stadtarchiv geschenkte Mappe, für die auch an dieser Stelle herzlich gedankt sei!

Karl Steinacker (Lithographie, 1845)

Porträt Karl Steinacker (Stadtarchiv Holzminden: HOL-Slg Akzession 9/2017)

Von ihren Anhängern enthusiastisch verehrt, von den Regierungen gefürchtet und verfolgt: die liberalen Politiker der Biedermeierzeit hatten kein leichtes Leben. Der hannoversche Verfassungsbruch durch den König (1837) war nur ein besonders herausgehobenes Beispiel für die vielfältigen Versuche, überkommene Vorstellungen aus absolutistischer Zeit am Leben zu erhalten.

Unter den allen politisch interessierten Zeitgenossen bekannten Politikern jener Jahre war auch ein Holzmindener: der in Altendorf/Holzminden geborene Jurist Karl Steinacker (1801 – 1847). Sein beruflicher Werdegang zeugt bereits von den Steinen, die einem staatlicherseits für „gefährlich“ gehaltenen Mann damals in den Weg gelegt wurden. Eine Anstellung im Staatsdienst wurde ihm verweigert, ebenso die obrigkeitliche Bestätigung seiner Wahl zum Bürgermeister von Holzminden. Welche politischen Ziele vertrat Steinacker? Er lehnte die Monarchie noch nicht grundsätzlich ab, forderte für sie aber einen konstitutionellen Rahmen. Pressefreiheit, Öffentlichkeit von Gerichtsverhandlungen, Abschaffung der Todesstrafe – was inzwischen längst Wirklichkeit geworden ist, waren zu seiner Zeit noch „unerhörte“ Forderungen fortschrittlicher Kräfte.

Das nun für das Stadtarchiv erworbene Porträt Steinackers wurde Anfang 1845 im „Archiv für Natur, Kunst, Wissenschaft und Leben“ (Erscheinungsort: Braunschweig) veröffentlicht. Neben Steinacker wurden dort auch Heinrich von Gagern sowie Johann Adam von Itzstein vorgestellt – ebenfalls überregional bekannte Liberale. Damit beabsichtigte die Zeitschrift, „einige jener deutschen Volksvertreter, welche durch ihr ehrliches, kräftiges Streben für konstitutionellen Fortschritt hervorleuchten, der allgemeinen Anerkennung näher zu führen.“

Karl Steinacker starb im April 1847. Die im Folgejahr ausbrechende Revolution 1848 erlebte er nicht mehr.

(Literaturhinweis: Scheel, Günter: Steinacker, Heinrich Friedrich Karl. In: Braunschweigisches Biographisches Lexikon: 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. v. Horst-Rüdiger Jarck u. Günter Scheel. Hannover 1996, S. 585–586)

Fürstenberg (Boffzen) – Hannover und zurück, 1951

Fahrausweise für die Hinfahrt mit dem Bus (oben) sowie die Rückfahrt mit der Bahn (unten). (Stadtarchiv Holzminden: S.6 Nr. 597)

Wer an ein Archiv denkt, hat in der Regel zunächst Berge (staubiger) Akten vor Augen. In zweiter Linie vielleicht Bücher und Druckschriften, die in der Archivbibliothek verwahrt werden. Auch alte Fotografien, Landkarten usw. erwartet man dort, wie viele Anfragen zeigen. Darüber hinaus sammeln Archive heutzutage aber auch Dokumente aus weiteren Bereichen angesichts des Anspruches, möglichst umfassend die Lebenswirklichkeit der Menschen in Vergangenheit und Gegenwart durch authentische Belege für künftige Generationen zu überliefern. Das gilt ganz besonders, wenn ein Stadtarchiv zugleich für die musealen Bestände der Kommune verantwortlich ist wie in Holzminden.

Im Stadtarchiv Holzminden gibt es einen Sammlungsbestand „S.6“, der die „Sammlung Verkehrsgeschichte“ bildet. Angesichts der Bedeutung einer guten Infrastruktur für unser modernes Leben bedarf der Aufbau eines solchen Bestandes wohl kaum einer Rechtfertigung. So konnten inzwischen etwa 600 Objekte, in der Regel Schriftstücke, zusammengetragen werden, die das Verkehrswesen zu Lande und zu Wasser – die Weserschifffahrt – dokumentieren. (Der Luftverkehr spielt bei uns ja keine Rolle, und der Luftsport gehört in einen anderen Bestand.)

Material für eine solche Sammlung findet sich nicht zuletzt im Schriftgut der Verwaltungen. Fahrpläne werden beispielsweise immer wieder mit Unterlagen von Verkehrsämtern, -vereinen usw. abgegeben. Wenn die Akten als solche nicht archivwürdig sind, weil ihr Inhalt keine für die Geschichtsschreibung wertvollen Angaben bietet, können Ihnen vor der Vernichtung derartige Unterlagen entnommen werden. Fahrkarten finden sich vor allem in den Abrechnungen von Dienstreisen – letztere sind ebenfalls als solche meist nicht archivwürdig und werden daher „kassiert“.

Die hier vorgestellten Fahrausweise sind der jüngste Neuzugang in „S.6“. Natürlich freut sich der Archivar ganz besonders über Belege einer schon seit vielen Jahren nicht mehr existierenden Bahnstrecke – in diesem Fall der Verbindung Holzminden–Scherfede. Zu den Kuriosa dieser Strecke gehörte der Bahnhof „Fürstenberg“, der nicht dort, sondern in Boffzen lag. Am 1. Oktober 1951 musste jemand von dort nach Hannover fahren – und am Nachmittag auch wieder zurück.

Nicht nur die Fahrausweise dieser Reise sind erhalten, sondern durch ein Begleitschreiben kennen wir auch die Fahrzeiten: Um 5.52 Uhr begann die Reise mit dem Bahnbus. Zurück ging es ab Hannover mit dem D-Zug um 16.15 Uhr, so dass um 18.12 Uhr die Fahrt beendet war. (NB: Für diese Relation kann man heute Hannover 16.26 Uhr mit dem ICE verlassen und über Göttingen / Ottbergen nach Höxter fahren. Dort steigt man in den Bus und erreicht Boffzen um 18.55 Uhr.)

Leider besitzt das Holzmindener Stadtarchiv keine Fahrpläne aus dem Herbst 1951. Daher können vorerst keine genaueren Angaben zu den Einzelheiten der damaligen Reise gemacht werden. Vielleicht findet sich eine Leserin oder ein Leser und kann hier weiterhelfen? Dann hätte dieser Beitrag seinen Zweck mehr als erfüllt!

Ein freundlicher Leser hat für die Zugfahrt folgende Angaben machen können, für welche herzlich gedankt wird:

Hannover Hbf ab: 16.15 Uhr D 86
Kreiensen an: 17.16 Uhr D 86
Kreiensen ab: 17.23 Uhr D 130
Fürstenberg (Weser) an: 18.12 Uhr D 130

Fotoalbum eines Arbeitsmannes und Soldaten, 1934/35

Einweihung des Holzmindener Thingplatzes, 22.9.1934 (Stadtarchiv Holzminden: S.1 Akzession 56/2016).
Aufmarsch des Arbeitsdienstes in Hildesheim: Zeltstadt auf der Schützenwiese.
Saarfeier am 1. März 1935 im Hindenburgstadion Hameln.

Wenngleich sich die Zuständigkeit des Stadtarchivs auf das Gebiet der Stadt Holzminden beschränkt (=„Archivsprengel“), finden sich dort auch Dokumente, welche andere Orte oder Regionen betreffen. Sie bezeugen überörtliche Beziehungen der Stadt, in ihr gelegener Institutionen oder hier lebender Personen. Theoretisch wären sie also in zwei verschiedenen Archiven „richtig“ einzuordnen – wo sie sich heute tatsächlich befinden, hängt zuweilen einfach nur von den Zufälligkeiten der Überlieferung ab. Umso wichtiger ist es, die Informationen darüber möglichst breit zu streuen. Wer erwartet schon in Holzminden Fotos aus Hameln und Hildesheim? Das im Folgenden vorgestellte Beispiel zeigt, weshalb solche hier durchaus archiviert sein können.

Es handelt sich um ein über das Internet angebotenes Fotoalbum mit mehr als 150 Aufnahmen, welches für das Stadtarchiv erworben werden konnte. Erfreulich ist die Tatsache, dass das Album nicht zerfleddert und sein Inhalt einzeln verhökert wurde, sondern dass es in seiner historisch gewachsenen Vollständigkeit erhalten blieb.

Das Album stammt aus dem Vorbesitz eines leider unbekannten Arbeitsmannes, der seinen Dienst 1934 in Holzminden absolvierte. Es wurde von diesem weitergeführt im anschließenden, nach freiwilliger Meldung in Hameln angetretenen Wehrdienst.

Die Möglichkeit, in Holzminden für den Arbeitsdienst ein geeignetes Lager einrichten zu können, ergab sich durch die Fertigstellung des neuen Evangelischen Krankenhauses am Forster Weg 1933. Dadurch wurde das bisherige (städtische) Krankenhaus am Hafendamm frei. Anfang August wurden hier 216 Mann aus den bisherigen Lagern im Kreisgebiet zusammengezogen und bildeten die Abteilung 1/185, welche ab 1935 den (Phantasie-)Namen „Ernst August von Everstein“ führte.

Als „Symbol des neuen nationalsozialistischen Staates“ wurden die Männer u. a. zur Erschließung von Siedlungsgelände in den Bereichen Grimmenstein, Weiße Breite sowie Kapellenbrink eingesetzt. Andere waren im Solling mit dem Bau von Forstwegen beschäftigt. Im Sommer 1934 kam in Holzminden eine andere Aufgabe hinzu: der Bau des Thingplatzes. Er ist besonders gut durch Fotos dieses Albums dokumentiert.

Eingeklebte Ansichtskarten im Album zeigen bekannte Motive aus Holzminden. Sie besitzen geradezu touristischen Charakter. Interessanter jedoch sind die privaten Aufnahmen von Arbeit und Freizeit der Arbeitsmänner. Leider wissen wir nicht, ob sie vom Vorbesitzer selbst aufgenommen wurden oder eine Zusammenstellung der Aufnahmen von Kameraden sind. Bezogen auf den Inhalt spielt diese Frage allerdings keine wichtige Rolle. Der Wert des Albums liegt in der reichhaltigen Dokumentation des (damals noch freiwilligen) Arbeitsdienstes in Holzminden. Gleiches gilt bezogen auf Hameln angesichts der Militärzeit während der folgenden Monate.

(Literaturhinweis: Matthias Seeliger: „Aus der Lagergemeinschaft zur Volksgemeinschaft“: Arbeitsdienstlager in Holzminden. In: Jahrbuch für den Landkreis Holzminden 32 (2014), S. 57–76; ders.: Aus der Bildsammlung des Holzmindener Stadtarchivs: Erinnerungen an die Arbeitsdienstzeit in Holzminden, 1934. In: ebd. 35/36 (2017/2018), S. 153–170)