Rund um den Mittleren Teich

Der Untere Teich liegt hinter uns – wir erreichen die Ernst-August-Straße. Zum Namensgeber werden später Informationen folgen; zunächst interessiert uns die Geschichte der Straße als solche. Ihre Anfänge reichen zurück in die Zeit des Eisenbahnbaus, als die 1865 eröffnete Strecke von Kreiensen nach Holzminden entstand. Bis zu jenem Zeitpunkt wurden die Hütten- und Mühlengebäude des Mittleren Teiches über eine Wegeführung, die am Oberen Teich ihren Anfang nahm, erschlossen. Mit dem Bau des Bahndammes wurde diese Verbindung unterbrochen. Als Ersatz ließ die Herzogliche Kammer eine kurze, von der Böntalstraße ausgehende Sackgasse bis zu den Fabrikanlagen bauen. Nachdem 1878 die Stadt Holzminden – wie bereits berichtet – den Weg an den Teichen nach Altendorf erworben hatte, richtete sich ihr Interesse auch auf diese Verbindung. Mit Vertrag vom 25. Februar 1884 gelangte sie in das Eigentum der Stadt. Zu einem unbekannten Zeitpunkt (vor oder nach 1884?) wurden zu beiden Seiten des Weges Kastanien gepflanzt, die ihm nachfolgend den Namen gaben: „Kastanienallee“.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg gab es bereits Pläne, die Kastanienallee bis zur Steinstraße zu verlängern. Dazu wäre der Bau einer tragfähigen Brücke über die Holzminde erforderlich gewesen. Die Pläne dazu wurden von der Städtischen Bauverwaltung auch erstellt – der Beginn des Krieges ließ ihre Realisierung jedoch in weite Ferne rücken. (Ansicht der geplanten Brücke, Oktober 1913; Stadtarchiv Holzminden, S.3 Nr. 57)

Ab 1926 wurde die Ernst-August-Straße ausgebaut. Zunächst verlegte man südlich der Holzminde, zwischen Jahnplatz und Wilhelmstraße, die Kanalisation und richtete dieses Straßenstück her. Nördlich des Baches, bis zur Böntalstraße, geschah dies erst 1935. Nun wurde auch die kleine Überbrückung durch eine vollwertige Straßenbrücke ersetzt. In die Brüstungsmauer der neuen Brücke wurde ein dem Nationalsozialismus huldigender Stein mit dem Hakenkreuz eingelassen. Der Stein befindet sich noch heute dort, aber das Hakenkreuz wurde nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ entfernt.

Abb. rechts: Zustand des Steines Sommer 2020. (Foto: Georg-Andreas Seeliger)

(Stadtarchiv Holzminden, S.1 VFW 00002)
(Stadtarchiv Holzminden, S.1 VFW 00008)

Der Mittlere Teich lieferte die geringste Wasserkraft der drei Teiche: 9 PS. Dennoch wurde hier zu einem unbekannten Zeitpunkt neben der Schneidhütte noch eine Getreidemühle angelegt. Ihre Bezeichnung als „Notmühle“ zeigt, dass sie zunächst offenbar nur von untergeordneter Bedeutung war. Ende des 19. Jahrhunderts genügte das zur Verfügung stehende Aufschlagwasser nur für eine der beiden Einrichtungen: Schleifmühle oder Getreidemühle. Mit dem Abbruch der vormaligen Schneidhütte blieb die Getreidemühle Siegerin dieses Konfliktes. Mit den Teichen musste die Stadt auch diese Mühle erwerben. Bis zu ihrer Zerstörung Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sie verpachtet und als Mahlmühle betrieben.

Nebenstehende Abbildungen zeigen Ausschnitte aus kolorierten Ansichtskarten des Verlages Fr. Wiegand, um 1900: Die Getreidemühle am Mittleren Teich, darunter den Blick vom Wehr zum Unteren Teich. Nur auf einer schmalen Brücke konnte damals die Holzminde hier überquert werden.

(Stadtarchiv Holzminden, S.1 PAL Nr. 2683)

Zunächst hatte im späten 19. Jahrhundert der Schwerpunkt der städtischen Aktivitäten zur Schaffung von Grünanlagen auf der Nordseite der Teiche gelegen. Als mit den Teichen auch die anderen Ufer in das Eigentum der Stadt Holzminden übergingen, konnte hier ebenfalls gestalterisch eingegriffen werden. Nun entstanden an den Südseiten von Unterem sowie Mittlerem Teich ebenfalls Schritt für Schritt „Promenaden“, und es wurden zahlreiche schattenspendende Bäume angepflanzt. Deren Wachstum ist durch die aus verschiedenen Jahrzehnten stammenden Fotografien dokumentiert. Die nebenstehende Aufnahme (Fotoatelier Liebert), wohl aus den 1930er-Jahren, zeigt bereits ein geschlossenes Blätterdach, das an heißen Sommertagen zum Spazierengehen einlädt.

(Stadtarchiv Holzminden, A.1 Nr. 2035)

Ebenso wie für den Unteren gilt auch für den Mittleren Teich, dass seine heutigen Ausmaße nicht der ursprünglichen Anlage entsprechen. Grund hierfür war der Bau der Eisenbahn Kreiensen–Holzminden: Der Bahndamm wurde durch den östlichen Teil des Teiches gelegt. Um genügend Speicherkapazität zu erhalten, wurde als Ersatz der Teich nach Süden erweitert.

Nebenstehende Skizze aus dem Jahre 1863 wurde im Rahmen der Verhandlungen bezüglich der Lage des Bahndammes angelegt.

Von der Herzoglichen Kammer zum Betrieb der Steinschleifmühlen verpachtet, diente vor allem der Mittlere Teich zugleich dem Freizeitvergnügen der Anwohner. Eine Insel wurde angelegt und „benutzt“. Die Witwe Kauffmann unterhielt 1900 einen Landungssteg und einen Kahn zum Befahren des Teiches. Nachdem die Stadt letzteren erworben hatte, war dazu eine Genehmigung der Verwaltung erforderlich. Vorstehende Abbildung zeigt den Blick auf das Nordufer des Teiches und die Villa Kauffmann; im Teich die Insel, am Ufer die „Kauffmannsche Bootbrücke“. (Stadtarchiv Holzminden, S.1 VMB 05237)
Der Blick in die entgegengesetzte Richtung zeigt die „alte“, inzwischen durch einen Neubau ersetzte katholische Kirche. Im Teich die erwähnte Insel. (Stadtarchiv Holzminden, ALB 006)