Zurück vom Mittleren Teich zum Haarmannplatz

An der nordwestlichen Ecke des Mittleren Teiches befindet sich eine Treppenanlage mit der Bronzeskulptur eines auffliegenden Schwanes.

Die Skulptur eines Schwanes am Unteren Teich, um 1970. (Stadtarchiv Holzminden, S.1 PNN 00200)

Weder im Stadtarchiv noch in den Ämtern der Verwaltung konnte eine Akte mit Angaben zur Entstehung dieser Skulptur und dem Namen ihres Gestalters gefunden werden. Das Datum der Aufstellung ist unbekannt – deshalb ließ sich auch nicht in der Tageszeitung mit vertretbarem Aufwand recherchieren. So setzt dieser Schwan auf unserem Rundgang ein Zeichen dafür, dass nicht immer alle Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zufriedenstellend beantwortet werden können. Ohne die entsprechende Überlieferung sind auch Objekte aus der jüngeren Vergangenheit „sprachlos“!

Der nebenstehende Ausschnitt aus der bereits gezeigten Lithographie von W. Pätz (ca. 1835) lässt am Mittleren Teich eine ganze Reihe von Gebäuden erkennen. Erinnern wir uns: Dieser kleinste der drei Teiche gehörte zur Schneidhütte, und außerdem hatte er der Mittelmühle das Betriebswasser zu liefern. Nach Aufgabe der Schneidhütte wurden auch hier Sandsteine geschliffen; außerdem nutzten Teile der Gebäude u. a. eine „Teerfabrik“ und eine „Lumpenfabrik“ – keine als Ziel eines Spaziergangs geeigneten Einrichtungen. Von großem Interesse für den Staat als Eigentümer der Gebäude waren sie wohl kaum. Der Holzmindener Verschönerungsverein und die Stadtverwaltung betonten 1883, dass es „einem lange gehegten Wunsche des Publikums entsprechen würde, wenn man die […] baufälligen Gebäude durch Anpflanzungen, Promenaden-Anlagen usw. ersetzte“. Gut zehn Jahre später ging dieser Wunsch in Erfüllung. Unter dem 12. November 1894 pachtete die Stadt den Bereich „des jetzt abgebrochenen vormaligen Schneidhüttengebäudes“ zur Anlegung einer Grünfläche.

Wenige Jahre später wurde die neue Anlage für die Errichtung eines Denkmals genutzt. Zwei Wochen nach dem Tod Otto von Bismarcks (30. Juli 1898) etablierte sich in Holzminden ein „Ausschuss für die Errichtung des Bismarck-Denksteins“ – diese Ansichtskarte zeigt das Denkmal nach einer Zeichnung des Bauschullehrers Rudolf Rühland (Stadtarchiv Holzminden, S.1 VMB 05251)
E. Kircheisen: Portraitmedaillon Otto v. Bismarck, 1898. (Foto: Georg-Andreas Seeliger)

„Einige dreißig Herren“ berieten „über eine dauernde Ehrung des Fürsten Bismarck“ und fassten den Entschluss zur Errichtung des Denkmals. Zu ihnen gehörten u. a. Bürgermeister Schrader, Bauschuldirektor Ludwig Haarmann, die Fabrikanten Hoffmeister und Otto Haarmann sowie vom Gymnasium Professor Dr. Hallbauer. Sie verehrten Bismarck als „Begründer des Deutschen Reiches“, können also als Nationalliberale eingestuft werden. Mit dem Denkmal sollte zugleich „eine hervorragende Zierde der Anlagen an den Teichen“ entstehen. Der in Braunschweig tätige Bildhauer Eugen Victor Kircheisen (1855-1913) schuf ein Porträtmedaillon aus Bronze. Es zeigt Bismarck in Kürassieruniform, erkennbar an den Schulterklappen – zeittypisch für den Militarismus des Kaiserreichs. Feierlich wurde das Denkmal am 27. November 1898 in die Obhut der Stadt übergeben.

Die frisch gepflanzte Eiche mit dem umgebenden Gitter – ein politisches Denkmal! (Vorlage: Stadtarchiv Holzminden)

Innerdeutscher Streit zwischen Preußen und den Welfen hatte 1866 das Ende des Königreiches Hannover besiegelt. Im benachbarten Herzogtum Braunschweig verhinderte Preußen nach dem Tod Herzog Wilhelms (1884) eine Thronbesteigung durch die ehemals hannoversche Linie der Welfen. Statt eines Herzogs wurde ein Regent eingesetzt – der erste „natürlich“ aus dem Haus Preußen stammend. Erst im Jahre 1913 kam es zur Annäherung zwischen den Dynastien, besiegelt durch die Hochzeit der Kaisertochter Viktoria Luise mit dem Welfen Ernst August. Letzterer trat nun (wenngleich nur für wenige Jahre bis zum Untergang der Monarchie in Deutschland) die Regierung an.

Zur Erinnerung an diese Versöhnung pflanzte die Holzmindener „Altbraunschweigische Vereinigung“ im März 1914 eine Eiche. Dabei legte sie Wert auf einen Standort möglichst weit vom Bismarckdenkmal entfernt, war doch der frühere Reichskanzler als Welfenfeind verrufen. Deshalb wurde die Eiche südlich der Holzminde gepflanzt – der kleine Bach wurde zur politischen Demarkationslinie!

Blick vom Außenbereich des „Teichgarten“ auf den Unteren Teich, 1950er-Jahre. (Aufnahme: Fotoatelier Liebert; Vorlage: Stadtarchiv Holzminden, S.1 PAL Nr. 141)

Bereits auf unserem Weg entlang der Nordseite des Unteren Teiches wurden die Umgestaltungen im Jahre 1935 thematisiert. Hier an der Südseite, an der Einmündung der Holzminde in den Teich, entstand damals ein kleines Wirtschaftsgebäude. In der ursprünglichen Planung als „Milchhäuschen“ bezeichnet, sollte es in den Sommermonaten einen Cafébetrieb ermöglichen. Bürgermeister Jeep hielt dies vor allem im Hinblick auf den Tourismus für notwendig. Aber auch die Bürgerinnen und Bürger der Stadt freuten sich zweifellos über diese Möglichkeit, bei schönem Wetter im Freien am Ufer des Teiches sitzen zu können.

Zum Abschluss unseres Rundgangs folgen Sie mir bitte noch einmal in eine ganz andere Zeit – eine andere Jahreszeit! Versetzen Sie sich an diesem schönen Spätsommertag gedanklich in einen kalten Winter. Das Wasser der Teiche ist von einer dicken Eisschicht bedeckt. Heutzutage wäre das vor allem als interessantes Naturschauspiel zu betrachten. In einer Zeit jedoch, als es noch keine Kühlschränke und Gefrieranlagen gab, war dieses Eis durchaus von wirtschaftlicher Bedeutung!

73 Mark für 146 Fuder Eis konnte die Stadt Holzminden im Winter 1899/1900 einnehmen: von der Brauerei Hodapp, Schlachtermeister Freise, Kaufmann Lücke und Gastwirt Karl Koch. Von Kaufmann Lücke wissen wir, dass er einen eigenen Eiskeller hinter dem Güterbahnhof hatte. Der folgende Winter war offenbar besonders kalt: 370 Fuder Eis konnten gewonnen werden, davon allein 198 durch die „Vanillinfabrik“ Haarmann & Reimer sowie 110 durch die Brauerei Hodapp.

Am Südufer des Unteren Teiches lebte 1903 in der Bezeichnung „Eiskellerplatz“ noch die Erinnerung an eine frühere Nutzung dieses Grundstücks fort. (Stadtarchiv Holzminden, A.1 Nr. 2335)

Aus hygienischer Sicht muss man es heutzutage wohl als bedenklich betrachten – das Gutachten des Holzmindener Arztes Dr. med. A. Niemann über den Genuss des Wassers aus den Holzmindener Teichen. Der Doktor war 1898 der Ansicht, dieses Wasser sei weitgehend ungefährlich: „Ein sehr verbreiteter Genuss des Teichwassers geschieht – fast unbewusst – hier in Gestalt von Eis. […] Von sämtlichen drei Teichen wird das Eis gewonnen, den Brauereien, Konditoreien und dem Krankenhause zur Benutzung übergeben. Mancher kühlt sich im Sommer damit das Getränk durch den Zusatz eines Eisstückes, das Eis gleitet durch verschiedene Hände, wenn es in den Eisschrank gebracht wird. Vermischungen bei Bereitung von Fruchteis etc. mit Eiswasser sind nicht ganz vermeidbar. Aber in keinem einzigen Falle konnte ich einen Typhusfall auf den Genuss von dem Teiche entnommenen Eis zurückführen.“

Stempelabdruck des Eisbahnvereins. (Stadtarchiv Holzminden, A.1 Nr. 3246)

Neben der Gewinnung von Eis zu Kühlzwecken war der zugefrorene Teich aber auch aus einem anderen Blickwinkel von Interesse. Im Jahre 1900 wandte sich der Vorsitzende des Männer-Turn-Vereins an die Stadtverwaltung mit der Feststellung: „Holzminden gehört zu den wenigen Städten, welche im Winter eine gute Eisbahn nicht besitzen.“ Um dies zu ändern, wollte er einen Teil der Eisfläche des Unteren Teiches pachten, einfriedigen und das Eis u. a. durch tägliches Bestäuben mit Wasser präparieren. Steine und Äste, die immer wieder auf das Eis geworfen wurden, wollte er entfernen lassen. Zur Finanzierung dieser Arbeiten sollten Eintrittsgelder erhoben werden. Für dieses Vorhaben etablierte der MTV eine eigene „Nebeneinrichtung“: den „Eisbahn-Verein“. Mit den an der Eisgewinnung interessierten Unternehmen einigte man sich darauf, die Schlittschuhbahn auf dem nördlichen Teil des Teiches einzurichten, während auf dem südlichen Teil, „nach der neuen Bürgerschulturnhalle hin belegen“, Eis abgebaut werden konnte. Auch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde noch diese Eisbahn betrieben – leider geht aus der Akte nicht hervor, wie lange dies so blieb.