Gedenktafel für Sinti und Roma
Hauptbücher des "Zigeunerfamilienlagers"© GröschlerHausLatscho Diebes Morschale un Djuwjale,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Diese Gedenkstätte erinnert an das erschütternde Schicksal der Holzmindener Sinti.
Bislang fehlte in Holzminden ein Ort, der an jene erinnert, die während der nationalsozialistischen Herrschaft entrechtet, verschleppt, in Angst und Schrecken versetzt und schließlich ermordet wurden.
Aus Holzminden wurden zwölf Sinti-Familien deportiert. 45 Menschen verloren dabei ihr Leben (gezählt sind nur jene Familien, die vor 1945 in Holzminden lebten und von hier deportiert wurden, sowie die, die nach 1945 hier gemeldet waren).
Jakob Gerste© Quelle: Aus Familienbesitz
Mein Name ist Edmund Gerste. Meine Geschwister und ich sind die Nachfahren von Jakob Gerste und Else Gerste, den Zeitzeugen jener Zeit.
Mein Großvater, Jakob Gerste, wurde am 6. Mai 1926 in Kleinurleben nahe Gotha geboren. Mit seinen Eltern und seinen sechs Geschwistern (Anna, Rudolf, Hermann, Heinrich, Emma und Erwin) lebte er in den 1930er Jahren in Nordhausen.
Ende 1938 schuf SS-Chef Heinrich Himmler mit dem sogenannten „Zigeunererlass“ die Grundlage für die Deportation von Sinti und Roma. Ab Oktober 1939 durften sie ihren Wohnort nicht mehr verlassen und wurden in Sammellagern konzentriert, bis zu ihrer Verschleppung.
Am 3. März und 4. März 1943 deportierte die Gestapo die letzten Sinti und Roma aus dem ganzen Land nach Auschwitz-Birkenau, in das sogenannte „Zigeunerfamilienlager“.
Auch mein Großvater und seine Geschwister wurden in Nordhausen in einer umzäunten Baracke festgehalten. Von dort aus brachte man sie über den Braunschweiger Bahnhof direkt nach Auschwitz.
Als die Waggontüren an der berüchtigten Rampe aufgestoßen wurden, standen SS-Männer mit Schäferhunden bereit, um die Menschen zur Selektion zu treiben.
Großfamilie Gerste© Quelle: Aus FamilienbesitzDort sah mein Großvater seine kleinen Geschwister zum letzten Mal. Sie wurden sofort aussortiert, in die Gaskammern geschickt und ermordet.
Jakob Gerste musste in Auschwitz-Birkenau Zwangsarbeit leisten. Bei schweren Maurerarbeiten verletzte er sich und kam in den „Krankenbau“, ein Ort, der für viele andere vor und nach ihm das Todesurteil bedeutete. Nur sein unerschütterlicher Überlebenswille und die Hoffnung, eines Tages seine Familie wiederzusehen, retteten ihm das Leben und ließen ihn den Krankenbau verlassen.
Über ein Jahr war er in Auschwitz inhaftiert, bevor er nach Buchenwald und von dort aus in das KZ Mittelbau-Dora überstellt wurde. Dort mussten er und andere Sinti in unterirdischen Stollen an der Produktion der V2- Raketen arbeiten, in unmittelbarer Nähe zu seinem früheren Zuhause.
Im April 1945 wurde er mit anderen Häftlingen auf einen Todesmarsch nach Bergen-Belsen getrieben, wo er Mitte April die Befreiung durch alliierte Truppen erlebte.
© Quelle: Aus FamilienbesitzIm September 1945 meldete er sich in Holzminden an. Dort begegnete er meiner Großmutter, Else Gerste, geborene Stein. Auch sie hatte die Qualen überlebt, das KZ Ravensbrück. Auch ihre Familie war von den Nationalsozialisten ermordet worden. Jakob und Else, mein Papo (Großvater) und meine Mami (Großmutter) verband das gleiche Schicksal und die Kraft, ein neues Leben aufzubauen.
Nach dem Krieg gehörten die beiden zu den ersten Händlern der Region, die Kleidung anboten. Mit ihrem Wohnwagen fuhren sie von Ort zu Ort und versorgten Menschen mit dem nötigsten. Mit viel Arbeit, Mut und Zusammenhalt schafften sie es, ihr Haus zu finanzieren und sich so Schritt für Schritt ein neues Leben aufzubauen.
Sie heirateten, bekamen drei Kinder, 18 Enkel und viele Urenkel.
Wir, die Nachfahren, sehen es als unsere Pflicht, das Leid unserer Großeltern und aller Sinti- und Roma Familien aus Holzminden in Erinnerung zu halten.
Denn dieses schreckliche, prägende und traumatische Schicksal wirkt bis heute nach. Der Antiziganismus, eine der grausamsten Formen von Rassismus, ist bis heute Realität. Sinti und Roma werden nach wie vor stigmatisiert und diskriminiert.
Nach wie vor wird das sogenannte Z-Wort unbedacht gebraucht. Eine Bezeichnung, die zutiefst verletzend und diskriminierend ist und die insbesondere durch ihre Nutzung in der Rassenlehre der Nazis historisch belastet ist.
Unsere Großeltern litten ebenso wie die jüdische Bevölkerung unter dem nationalsozialistischen Terror. Auch die Sinti und Roma wurden gedemütigt, entrechtet, zwangssterilisiert, ausgehungert und ermordet.
Mein Großvater überlebte vier der grausamsten Konzentrationslager: Auschwitz, Buchenwald, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen.
2009 erlitt er einen Schlaganfall, doch er lebte noch sieben weitere Jahre. 2016 starb er im Kreise seiner Angehörigen. Meine Großmutter war bereits 2012 verstorben. Beide fanden ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof Allersheimer Straße in Holzminden.
Wir erinnern an ihre Geschichte und an die zwölf Familien und 45 ermordeten Sinti und Roma aus Holzminden. Damit ihr Schicksal niemals vergessen wird.
Zum Gedenken. Zur Mahnung. Zur Erinnerung.
Text: Edmund Gerste (Enkel von Jakob und Else Gerste) und Michelle Hesse
Inspiriert durch: Klaus Kieckbusch: „Außerhalb der „Volksgemeinschaft“ Formen der Verfolgung während des Nationalsozialismus im Kreis Holzminden“
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Familie Adler/Pohl
Bertha Adler wurde 1877 in Illowo (Westpreußen) geboren und lebte seit 1916 in Holzminden. Sie blieb unverheiratet und wohnte zeitweise bei ihrer jüngeren Schwester Hulda, die mit dem Musiker Otto Schmidt verheiratet war. Ab 1932 lebte Bertha am Lüchtringer Weg, wo mehrere Sintifamilien wohnten. Ihre enge Bindung an die Familie ihrer Schwester prägte ihr Leben; nach dem Tod Huldas kümmerte sich die verwandte Familie Pohl/Steinbach um die jüngeren Angehörigen. Auch Elma Pohl, geborene Adler, gehörte zu diesem Familienverbund. Sie war Händlerin, lebte ab den 1920er-Jahren in Holzminden und zog mit ihrem Sohn Willi mehrfach innerhalb der Stadt um. Elma trennte sich von ihrem Ehemann und führte den kleinen Haushalt allein. Ihr Sohn Willi, geboren 1920 in Braunschweig, wurde Kraftfahrer. 1941 musste die Familie eine Zwangsunterkunft am Steinhof 2 beziehen. Im März 1943 wurden Bertha, Elma und Willi gemeinsam verhaftet und deportiert. Elma und Bertha starben wenige Monate später in Auschwitz. Willi überstand das Zigeunerfamilienlager, wurde 1944 nach Buchenwald und später nach Harzungen gebracht, wo er bei schwerster Zwangsarbeit erkrankte und im August 1944 starb. Nach dem Krieg stellte niemand aus der Familie Entschädigungsanträge – ihr Gedenken blieb jahrzehntelang aus.
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Familie Schmidt
Die Familie Schmidt war seit den frühen 1910er-Jahren in Holzminden ansässig. Otto Schmidt, 1882 in Erkerode geboren, war Musiker und viel unterwegs. 1919 heiratete er Hulda Adler, die bereits drei Töchter aus ihrer ersten Ehe mit Franz Albert Mai hatte: Anna, Maria und Meta. Aus der Ehe mit Otto Schmidt gingen die Söhne Hugo (1920) und Wilhelm (1922) hervor, die evangelisch getauft wurden. Die Familie wohnte zunächst in Barackenunterkünften und ab 1932 am Lüchtringer Weg 21. Nach Huldas frühem Tod 1928 nahm ihre Schwester Elma Pohl die beiden Jungen in ihren Haushalt auf. Otto Schmidt und seine Söhne wurden 1941 ebenfalls in die Zwangsunterkunft Steinhof 2 eingewiesen, blieben aber von der Deportation 1943 verschont. Im Juni 1943 kamen Vater und Söhne für drei Monate in Haft. Hugo starb bereits Ende 1944 in Holzminden, während Wilhelm nach dem Krieg in seiner Heimatstadt blieb und 1977 in Nienburg verstarb. Eine Fotografie zeigt Hugo und Wilhelm als Musiker auf einer Bühne – ein Hinweis darauf, dass die Familie auch während der schweren Zeit ihre musikalische Tradition pflegte. Otto Schmidt lebte nach 1945 zeitweise in Bassum und starb 1960.
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Familie Stein/Lange
Die Schaustellerfamilie Stein war eng mit der Familie Gröbel und der Familie Gerste verbunden. Richard Stein, geboren 1907 in Gremsheim, war Händler und Schausteller. Nach seiner Befreiung aus dem KZ Ravensbrück kehrte er 1945 nach Holzminden zurück und heiratete Maria Gröbel, geborene Mai, die als Überlebende mehrerer Lager nach Holzminden zurückgekehrt war. Aus der Ehe gingen Kinder hervor, die den Neuanfang der Familie mittrugen. Die Steins betrieben nach dem Krieg Handel und wandten sich wieder dem fahrenden Gewerbe zu, das ihre Lebensweise vor der Verfolgung geprägt hatte. Zur Familie gehörte auch die mit den Steins verwandte Familie Lange, die mit Wohnwagen zwischen Nordhessen und Südniedersachsen umherzog. Mehrere Angehörige dieser Linie fielen den Deportationen 1943 zum Opfer. Die wenigen Überlebenden bauten in Holzminden eine neue Existenz auf und blieben Teil der dortigen Sinti-Gemeinschaft.
Richard und Maria Stein© Klaus Kieckbusch: „Außerhalb der „Volksgemeinschaft“ Formen der Verfolgung während des Nationalsozialismus im Kreis Holzminden“
Ausweis Richard Stein© Klaus Kieckbusch: „Außerhalb der „Volksgemeinschaft“ Formen der Verfolgung während des Nationalsozialismus im Kreis Holzminden“
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Familie Kümmel
Gisela Kümmel© Klaus Kieckbusch: „Außerhalb der „Volksgemeinschaft“ Formen der Verfolgung während des Nationalsozialismus im Kreis Holzminden“Johann Kümmel, Korbmacher von Beruf, und seine Frau Marie, geborene Weiß, zogen 1933 mit ihren Kindern nach Holzminden. Die Familie wohnte zunächst in der Nordstraße, später in der Uferstraße. Ihre Kinder wurden in verschiedenen Orten geboren, was die frühere Mobilität der Familie erkennen lässt. 1936 verließen sie Holzminden und zogen nach Braunschweig, wo sie im Sammellager Veltenhof untergebracht wurden. Von dort wurden Johann, Marie und ihre Kinder 1943 nach Auschwitz deportiert. Marie überlebte als Einzige und lebte nach 1945 in Minden. Sie stellte 1954 einen Antrag auf Haftentschädigung, um das Schicksal ihrer Familie anerkennen zu lassen. Über die Nachkriegsjahre der überlebenden Kinder oder weiteren Angehörigen ist nichts bekannt, doch deutet die Rückkehr Maries nach Niedersachsen darauf hin, dass sie versuchte, an das Leben vor der Verfolgung anzuknüpfen.
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Familie Kressig/Laubinger
Die Familie Kressig war seit den 1930er-Jahren in Holzminden gemeldet. Liberta Kressig war die Mutter mehrerer Kinder, darunter Martha, die den Korbmacher Ferdinand Laubinger heiratete. Martha arbeitete vor ihrer Verhaftung in einer Munitionsfabrik und lebte mit ihren Kindern am Steinhof 2. 1943 wurde die ganze Familie nach Auschwitz deportiert. Von den Kindern überlebten nur wenige, deren Spuren sich teilweise in Hannover und Braunschweig nachweisen lassen. Martha kehrte nach dem Krieg nach Holzminden zurück, später lebte sie in Hannover und bemühte sich um Entschädigung. Im Bundesarchiv erhalten ist eine handgeschriebene Genealogie der Familie Laubinger auf acht Metern Papier, die während der NS-Zeit von der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ erstellt wurde. Dieses Dokument verdeutlicht die systematische Erfassung und Verfolgung der Sinti-Familien, eben auch in Holzminden.
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Familie Weiß
Die Familie Weiß hatte ihre Wurzeln in Thüringen und den Niederlanden. Albert Weiß, 1910 geboren, diente zunächst in der Wehrmacht, bevor er 1943 verhaftet und über Auschwitz nach Ravensbrück und Sachsenhausen deportiert wurde. 1946 kehrte er nach Holzminden zurück und stellte Anträge auf Entschädigung. Johann Weiß, geboren 1907, war Kraftfahrer und Partner von Anna Schmidt. Sie hatten drei Kinder, konnten aber in der NS-Zeit nicht heiraten. Nach 1945 zog die Familie kurzzeitig nach Holzminden, verließ die Stadt jedoch bald wieder. Die Nachkriegszeit war von dem Versuch geprägt, Normalität herzustellen und die Familie zusammenzuhalten.
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Familie Reinhardt
Valentin Reinhardt, 1921 in Bayern geboren, zog Ende der 1930er-Jahre nach Holzminden. Er arbeitete als Hilfsarbeiter und heiratete 1942 Anna Rosenbach aus Höxter. 1941 wurde ihre Tochter Veronika geboren. 1943 wurden Valentin, seine schwangere Frau und die Tochter verhaftet und in mehrere Konzentrationslager verschleppt, Valentin zuletzt nach Harzungen. Nach dem Krieg galt er zunächst als verschollen, tauchte jedoch 1959 wieder auf und lebte in Friedrichshafen. Anna wurde aus Bergen-Belsen befreit und kehrte nach Holzminden zurück, zog jedoch bald nach Northeim. Veronika und ihre später noch im KZ geborene jüngere Schwester starben in Gefangenschaft.